Dr. Sabine Thümmler

Dr. Sabine Thümmler studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Ethnologie in Bonn. Promotion 1987 über ein ornamentgeschichtliches Thema. Von 1986 bis 1989 arbeitete sie als Kostümbildnerin am Schauspiel Bonn.

Seit 1990 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und ab 1991 Leiterin des Deutschen Tapetenmuseums der Staatlichen Museen in Kassel. Daneben Dozentin für historische Tapeten beim Deutschen Zentrum für Handwerk und Denkmalspflege Propstei Johannesberg in Fulda. Zahlreiche Vorträge, Ausstellungen und Publikationen zu Design, Kunstgewerbe und Tapetenhistorie.
März 2005: Dr. Sabine Thümmler

Maler Consult: Bei uns in der Branche werden täglich Tapeten in sämtlichen Varianten verarbeitet. Doch nur wenige Verarbeiter wissen hintergründiges zu den Tapeten. Woher kommt denn die Tapete bzw. wo hat sie ihren Ursprung?

Dr. Sabine Thümmler: Papiertapeten, wie wir sie heute kennen, haben ihren Ursprung in der Zeit der Renaissance. Bedruckte Papierbögen als Wandschmuck erfreuten sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts großer Beliebtheit. Doch diese Tapeten konnten sich nicht dauerhaft durchsetzen. Erst die Erfindung der Tapetenrolle ließ die Tapete im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig werden. Um 1700 kam man in England auf die Idee die einzelnen Papierbögen - Rollenpapier wurde erst ab 1830 üblich - vor der weiteren Verarbeitung zusammenzukleben. Dennoch dauerte es noch ein halbes Jahrhundert bis die Papiertapete endgültig ihren Siegeszug begann.

Maler Consult: Gibt es hinsichtlich der Entwicklung der Tapeten (vergangenen Jahrhunderten), Phasen oder Epochen, in denen bestimmte Muster oder Materialien bestimmend waren?

Dr. Sabine Thümmler: Im Barock waren wertvolle Ledertapeten als repräsentativer Wandschmuck sehr beliebt. Hell bemalte oder bedruckte Leinwandtapete mit chinesischen Motiven, die sogenannten "Pekingtapeten" schmückten die Zimmer zu Zeiten des Rokoko in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Zwischen 1815 und 1848, in der Zeit des Biedermeier, waren handgedruckte Papiertapeten so populär, daß sie in jede gute Stube gehörten. Prächtige Blumenmuster entfalteten sich auf üppigen Bordüren zu unifarbenen oder kleingemusterten Tapeten. Blumenmuster in vielen Varianten sollten bis in weit ins 20. Jahrhundert hinein zu den beliebtesten Dessins gehören.

Maler Consult: Wie sieht es mit Hinblick auf die geographische Lage aus; sind regionale oder kontinentale Trends und Vorlieben für bestimmte Tapetenarten auszumachen?

Dr. Sabine Thümmler: Das kann man nicht feststellen. Die Exporttapeten für Großbritannien oder USA waren in früheren Jahren farbenfreudiger. Auch die klassischen Stiltapeten und Blumenmuster sind dort mehr vertreten als auf dem europäischen Kontinent, während in Holland und Deutschland eine Vorliebe für Strukturtapeten, sprich Rauh- und Glasfaser, herrscht.

Maler Consult: 1991 wurde die "Gütegemeinschaft Tapeten e.V." zur Qualitätssicherung ins Leben gerufen. Welche Qualitätsmerkmale müssen Tapeten demzufolge aufweisen?

Dr. Sabine Thümmler: Umweltverträglichkeit steht an erster Stelle, d.h. es werden nur Farben, Materialien und Zusatzstoffe bei der Tapetenherstellung eingesetzt, die ökologisch unbedenklich sind. Permanente Kontrolle durch unabhängige Prüfinstitute garantiert das heute erreichbare Optimum an Schadstofffreiheit.

Maler Consult: In den letzten Jahren wurden von der Farbindustrie immer neue Anstrichsysteme mit Effekten, als Alternative zur Tapete entwicklet. Welchen Stellenwert wird die Tapete zukünftig in diesem Zusammenhang einnehmen?

Dr. Sabine Thümmler: "Anstrich oder Tapete?" Diese Frage ist so alt wie die Branche und nur individuell zu lösen, da sie grundverschiedene Raumcharakter darstellen. Beides  - Anstrich und Tapete - wird nebeneinander existieren.


Vielen Dank für das Interview!