Nikolaus Teves


Nikolaus Teves

Nikolaus Teves, geb. 1948, Diplom-Volkswirt. Geschäftsführer bei der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald und leitender Auditor für Qualitätsmanagementsysteme nach DIN EN ISO 9001 für das Maler- und Lackiererhandwerk. Zahlreiche Veröffentlichungen, Seminare und Vorträge zur Unternehmensführung im Handwerk und zu Fragen zukünftiger Entwicklungen. Derzeit intensive Auseinandersetzungen mit dem Rating, der Auswirkung der neuen Handwerksordnung auf Unternehmensperspektiven und Personalmanagement und der Erschließung neuer und innovativer Märkte, z.B. im Bereich des alters- und behindertengerechten Wohnens.
Januar 2004: Nikolaus Teves

Maler Consult: Herr Teves, Sie haben sich in der Vergangenheit mit der Aufnahme der Kandidatenländer aus dem Osten Europas auseinander gesetzt. Innerhalb unserer Branche sowie auch in der gesamten Baubranche wird das Schlimmste befürchtet - mehr Arbeitslose, Preisdumping, weitere Insolvenzen. Wie stehen Sie der 2004 geplanten EU Osterweiterung gegenüber? Wo sehen Sie die Risiken? Und wo liegen die Chancen?

Nikolaus Teves: Die Erweiterung der Europäischen Union in Richtung Osten ist beschlossene Sache und für ein Land, das gerade wieder einmal Exportweltmeister wurde, sicherlich eine zusätzliche Chance. Aus Sicht des Maler- und Lackiererhandwerks ist manche Befürchtung nicht unbegründet. Allerdings wurden Übergangsregelungen geschaffen, die zumindest den heftigsten Druck dämpfen können. In etlichen Unternehmen wurden bereits erfolgreich Strategien des Umgangs mit dieser neuen Wettbewerbssituation entwickelt. Je nach betrieblichem Ausgangspunkt und unternehmerischer Zielsetzung kann hier eine ganze Palette von Maßnahmen zum tragen kommen, von der offensiven Nutzung neuer Marktmöglichkeiten in den Beitrittsländern bis hin zur Anpassung der Angebotsstruktur auf den regionalen Märkten. Das größte Risiko dürfte darin zu sehen sein, die Entwicklung einfach auf sich zukommen zu lassen und Informationen außer acht zu lassen, die sich z.B. bei Informationsreisen, bei Schulungen und durch Beratung gewinnen lassen ...

Maler-Consult: Vor einigen Jahren konnte man Berichte hinsichtlich Zertifizierungen, ISO 9001 und Qualitätsmanagement als zusätzliche Auszeichnung und optimierte Qualität häufig in der Fachpresse aber auch in Tageszeitungen nachlesen. Hinsichtlich QM im Malerhandwerk ist nichts mehr zu hören und nichts mehr zu lesen. Herr Teves, sie haben als QM Auditor den direkten Zugang zu den bisher Zertifizierten und Zertifizierungswilligen. Gibt es einen Trend hinsichtlich QM im Malerhandwerk und wie reagiert der Markt darauf.

Nikolaus Teves: Qualitätsmanagement nach DIN EN ISO 9001 gehört mittlerweile zum Alltag vieler Unternehmen und ist daher von neuen Themen aus den Redaktionsprogrammen der Presse verdrängt worden. Ohne Qualitätsmanagement, ganz gleich ob zertifiziert oder einfach nur gelebt, dürften sich die Marktchancen und die Wettbewerbsfähigkeit erheblich verringern, denn ein QM System ist auch die Basis für eine günstige Rating-Bewertung und die Erfüllung vieler weiterer Anforderungen, die eine komplexer werdende Welt stellt. War ein QM-System in früheren Jahren meist mit der Erfüllung formaler Forderungen verknüpft, die manchmal kaum verständlich und nachvollziehbar waren, hat sich dies mittlerweile erheblich verändert. Heute muss jeder Cent, der in ein Qualitätsmanagement investiert wird, nachweislich rentabel sein. Die Ausstellung einer Urkunde reicht dazu nicht aus.

Im Hinblick auf den Wegfall der Meistererfordernis beim Vorliegen entsprechender Berufserfahrungen ist damit zu rechnen, dass Schulungsnachweise, Kenntnisprüfungen und Zertifizierungen an Bedeutung gewinnen. Da die Norm zum Qualitätsmanagement DIN EN ISO 9001 ausdrücklich Eingang in die europäische Gesetzgebung gefunden hat und heute auf breiter Basis auch Systeme zur Risikosteuerung gefordert werden, dürfte ihre Bedeutung gerade in der Übergangsphase zunehmen.

Einen bedeutenden Vorteil bietet die Norm DIN EN ISO 9001. Sie ist flexibel einsetzbar und jede Unternehmerin und jeder Unternehmer kann sich aus dem Angebot ohne großen Aufwand zunächst einmal die Filetstücke heraus schneiden, also die Bereiche, die im Einzelfall den größten Nutzen versprechen.

Maler-Consult: Der Besitz des Meisterbriefes im Maler- und Lackiererhandwerk zur Führung eines Malerbetriebes sollte ursprünglich nach der neuen Handwerker-Reform wegfallen. Auf den letzten Drücker wurde unsere Zunft noch mit ins Boot genommen. Was halten Sie von dieser Entwicklung? Wie stehen sie der geführten Debatte gegenüber?

Nikolaus Teves: Der Meisterbrief wird auch in Zukunft zentraler Kenntnisnachweis bleiben. Diese Entwicklung ist zu begrüßen, denn sie setzt Signale in Richtung auf die notwendige Ausbildung und den Verbraucherschutz. War der Meisterbrief bisher eine Selbstverständlichkeit, wird er nun zum Markenzeichen, mit dem sich Marktteilnehmer voneinander unterscheiden und mit dem Wettbewerb gestaltet wird.

In vielen Ländern sucht man nach Möglichkeiten, das Angebot fachgerechter Leistungen mit geeigneten Qualitätskriterien transparent zu machen. Mit der Meisterprüfung und Meisterqualifikation verfügt Deutschland bereits über ein solches System und kann darauf stolz sein. Nun sollte alles getan werden, diese „Marke“ optimal einzusetzen.

Maler-Consult: Auf der ständigen Suche nach Marktnischen und neuen Marktpotentialen tritt der Seniorenbereich immer mehr in den Mittelpunkt. Demographisch gesehen sollte ein großes Potenzial vorhanden sein. Sie haben sich 2003 mit der Studie „Gesund und sicher wohnen“ dem Thema gewidmet. Was ist dabei rausgekommen? Und gibt es Ergebnisse die vom Malerbetrieb leicht und erfolgreich umzusetzen sind?

Nikolaus Teves: Es ist ein großes Potenzial vorhanden, von dem auch das Maler- und Lackiererhandwerk in nicht unerheblichem Maße profitieren kann. Altersgerechtes Wohlfühlwohnen ist ein im Prinzip schon lange bestehender Zukunftsmarkt, der gerade neu entdeckt wird. Unterstützt werden die Bemühungen zur Markterschließung z.B. auch durch die Änderungen der Landesbauordnungen und die Gesetze zur Gleichstellung Behinderter. Handlungsbedarf gibt es im gesamten Bereich der praktischen Umsetzung von Wohnideen in konkrete alters-, behinderten- und wohlfühlgerechte Lebenssituationen. Kooperative Ansätze, auch unter Federführung von Maler- und Lackiererunternehmen, befinden sich ebenso in der Erprobungsphase wie die Vermarktung entsprechender Dienstleistungen über Friseurbetriebe.

Es wurden im Rahmen des Projekts www.gesund-und-sicher-wohnen.de 36 Checklisten entwickelt, die sowohl für Entwicklung von Angeboten von Maler- und Lackiererunternehmen eingesetzt werden können als auch für die komplette Planung von Projekten. Diese Checklisten können unter der genannten Internetadresse abgerufen werden.

Die Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald bietet eine dreitägige Schulung an, bei der die Normen zum barrierefreien Wohnen DIN 18024 und 18025, altersgerechte Produkte und Dienstleistungen sowie Möglichkeiten der Vermarktung handwerklicher Leistungen behandelt werden. Die erste Veranstaltung findet vom 15. bis 17. Januar 2004 statt. Informationen können unter Tel. 0621-18002-155 abgerufen werden.

Maler-Consult: Für 2004 lassen die augenblicklichen allgemeinen wirtschaftlichen Prognosen auf bessere Zeiten hoffen. Glauben Sie, dass das Bauhandwerk auch davon betroffen sein wird?

Nikolaus Teves: Im Neubau dürfte mit durchaus differenzierten Entwicklungen zu rechnen sein, die von dem regionalen Standort, der Knappheit in den öffentlichen Kassen, der weiteren Tendenz zur Industrialisierung der Bautätigkeit und der individuellen Ausrichtung jedes einzelnen Anbieters abhängen.

Grundsätzlich positive Impulse dürften aus dem Altbaubestand kommen. Nicht nur wegen der Notwendigkeit, alters-, behinderten- und wohlfühlgerechte Wohnsituationen zu schaffen, sondern auch aus Gründen der Wohn- und Arbeitssicherheit, des Klimaschutzes und der Energieeinsparung.

Öffentliche Förderprogramme können hier auch von Unternehmen des Maler- und Lackiererhandwerks gezielt eingesetzt werden, um die Auslastung der eigenen Kapazitäten sicher zu stellen.


Vielen Dank für das Interview!